Advokalender. #40

Den Mädels ist an ihrem vorweihnachtlichen Schreibpult vor lauter Schrift-Gedöns doch nun fast die Feder aus der Hand entglitten. Ihre müden Finger entspannend, gönnten die Märchen-Freundinnen sich nun mit Knabbereien am Lebkuchenhäuschen eine kleine Pause, welche etwas ausartete…. Bei Kerzenduft und Glühweindunst plauderten sie über ihre Reise durch die Matrix des irdischen R e c h t s, sinnierten über ihre Erlebnisse der vergangenen Monate… ähm Jahre… und unterhielten sich über das ständige Klagegeschrei ihrer Freunde… Bis beim Flaschendrehen urplötzlich, -und wie aus dem Nichts-, ein Hirsch entstieg. Sie tauften ihn „Artus“ und begannen, ihrem tierischen Orakel ihre Aufgaben, Herausforderungen und Sehnsüchte zu erzählen. Ein jedes Märchen-Mädel schilderte sein Begehr. Ob sie wohl dadurch neuen Perspektiven „Thyr und Thor“ eröffnet haben?

Mach´ auf die Thyr und das Thor mach´ weit…


2Q2Q – Advokalender – Thörchen #40 – Rumpelstilzchen.

#40 Thörchen

Alter Falter! In der Märchenstube sieht´s aus wie nach einer Havarie…ein Grund für´s Hirschorakel schnurstracks die Kurve zu kratzen. Artus macht sich schnell aus dem Staub, bevor Charlotte, Isabella und die flotte Lotte noch auf die Idee kommen können mit ihren gelben Stilettos dem Hirschorakel rektal den Startschuss zu einem Putzmarathon zu verpassen. Na ja…manchmal wäre so ein Tritt in den Hintern gar nicht verkehrt…

Derweil vergnügen sich Lieschen und Violetta mit zahlreichen Schmökern in ihrer ausgefallenen Privat-Bibliothek. Sie sind vor geraumer Zeit einfach dorthin abgetaucht. Manch einer könnte dabei gar vermuten, dass die Märchen-Bibliothek ein unterirdischer Kaninchenbau sei. Weit gefehlt, der Buhpunker ist ein Baumhaus in den Wipfeln dreier dicker fetter diutscher Eichen, die seit hunderten von Jahren auf Oma Käthes Boden im Garten fest verwurzelt stehen. Anlässlich der Niederkunft seiner Enkelin hatte Opa Hans die weiße, hölzerne, luftige Schmuckschatulle für Lieschen dort erbaut. Und die zwei -vor dem vorweihnachtlichen Trubel am Flaschendrehkreuz verschwundenen Märchen-Mädels-, nutzen nun das Zauberhaus als Ruheort und Oase für ihre akademische Gedankenakrobatik und sportlichen Rückwärts-Rollen-Spiele. Und das geht sogar soweit, dass Lieschen und ihre Freundin Violetta dabei total die Zeit vergessen haben…

Während Violetta über Steinzeugtafeln, Urkunden und Artefakte aus dem toten Meer sowie über Aufzeichnungen alter Volks- und Stammesrechte erschöpft eingeschlafen ist, -ihre Recherchen haben sie wohl zu sehr an ihre Zeit an die „Vati-kann-Glaubensbekenntnisse“ erinnert-, hat Lieschen sich von uralten Gewohnheiten, germanischen Bräuchen und Sitten inspirieren lassen. Eingetaucht in das allem zugrundeliegende Ur-Universum, verbringt sie die blaue Stunde kreativ mit dem Niederschreiben ihrer zahlreich gewonnenen Erkenntnisse und Betrachtungen. Lieschen führt sich den größeren Zusammenhang, mit dem sie sich schon soooooo sehr lange beschäftigt, nochmals vor Augen und hält ein kleines Zwiegespräch mit ihrem Leben…

„Es ist ein ganz großes Spiel im Gange als auch mehrere kleinere, sinniert sie. Und getreu der hermetischen Lehre folgen sie alle den selben Prinzipien und Regeln. Im Grunde besteht ein Gesellschaftsspiel aus konträren Zielsetzungen. Zwei gegnerische Mannschaften kämpfen in einem vorgegebenen Rahmen von Barrieren und Freiheiten um irgendein Dingsda von Interesse……und genau das ist nämlich der springende Punkt…, setzt Lieschen mit einem Aha-Effekt ihre Betrachtungen fort! Blättere ich nämlich in der Spiele-Anleitung des irdischen Rechts, dann kommen dort gegnerische Parteien überhaupt nicht vor!  A l l e s  vollzieht sich auf der Aktivseite der Bilanz [Ver(sch)wendung der Mittel]. In Wahrheit gibt es in diesem Spiel namens irdisches Recht für uns nicht das Geringste zu holen! Das Geheimnis dieses parasitären Spiels nämlich ist, dass es nur so scheint, als sei es eines! Selbst die größten Philosophen aller Zeiten sind an diesem abgekarteten, irdischen Nicht-Spiel schon gescheitert und sogar Geistesgrößen wie sie hatten sich in die Irre führen lassen, …und Schaumschlägerei mit der Wirklichkeit verwechselt. Die Passivseite [Quelle der Mittelherkunft] ist nach wie vor unbesetzt. Es gibt dort nichts, was Gegenstand der Betrachtung wäre. Derjenige, der die Mittel ins Spiel einbringt, wird von den Spielführern vollkommen ignoriert. Wir Menschen, als der belebende Faktor, nehmen überhaupt nicht daran teil. Wir glänzen mit völliger Abwesenheit und alles spielt sich auf einem globalen Totenschiff in einem geschlossenen Kreislauf-System ab. Und daher kann ein Nicht-Spiel, folgert Lieschen, … selbstverständlich niemand gewinnen. Versucht man es dennoch und rackert sich ab, dann läuft man sich natürlich tot dabei. Immer herrscht da dieses unterschwellige, ungute Gefühl, dass es im Leben einfach nichts zu holen gibt. Irgendwie spüren wir alle, dass sich das durchschnittliche Leben auf der Erde genau s o abspielt. Das Blöde daran ist nur, …dass die meisten Menschen sich damit abgefunden haben. Sie fühlen sich gelähmt und ohnmächtig und irgendwie schachmatt gesetzt. Mit anderen Worten: sie haben aufgegeben. Etwas ist nicht fassbar und das macht sie mürbe. Diese Menschen „wissen“ bereits, dass man nichts dagegen unternehmen kann und genau diese Einstellung ist das Hauptmerkmal der berühmten Mehrheit von zufriedenen sowie untätigen, aber glücklichen Sklaven. Da Lieschen mit dieser Mehrheit -wie halt immer- so gar nicht recht übereinstimmen möchte, führt sie das zurück zu der immerwährenden Frage, die sie sich schon seit Jahren gebetsmühlenartig stellt: …wo in aller Welt befindet sich denn nun der Sesam-Öffne-Dich, der das Geheimnis dieses ungewinnbaren Lebensspiels wie von Zauberhand lüftet??? Wie gedenkst du denn, dieses hochgradige Menschheitsproblem, dieses Nicht-Spiel, so wie du es bezeichnest, zu lösen, …geehrtes Lieschen?“

Und ehe sich Lieschen dieser Frage in gewohnt epischer Länge widmen kann, hört sie lautes Getrampel und ein dermaßen schräges Gejaule, dass sie hinaus auf die Baumhaus-Veranda rennt. Unten vollführt das Hirschorakel einen seltsamen Tanz um die drei Eichen auf – mal auf einem, dann auf zwei, dann auf drei Beinen und singt schief: „Heute back´ ich, morgen brau´ ich und übermorgen hol´ ich der Frau Lieschen ihr Kind.“

Auch Violetta springt erschrocken auf ihre dürren Stelzen, stürmt zu Lieschen hinaus und reibt sich verschlafen die Augen. Mit angekratzter Stimme tönt sie nach unten: „Spieglein, Spieglein an der Wand, Artus ist wohl der Besoffenste im ganzen Land?“

Und bevor sich weißer Rauch aus Artus’ dreizehn Geweihenden wie Schlote vom Grund der See in sieben Meter Höhe erheben kann, erkennt Lieschen des Rätsels Lösung und sieht das goldene Schlüsselchen vor sich schweben, das ihren gesuchten „Sesam-Öffne-Dich“ von Zauberhand aufsperren wird. Sie erinnert sich laut lachend nicht nur an „Ali Baba und die vierzig Räuber“, sondern an das an Stelle fünfundfünfzig stehende Märchen der Gebrüder Grimm, -das einst Jacob Grimm 1808 an den Rechtsgelehrten Friedrich Carl von Savigny für dessen Tochter sandte-: Rumpelstilzchen!

Lieschen antwortet flink und ruft dem Hirschorakel zu: „Wie gut, dass niemand weiß, dass ich `Rumpelstilzchen´ heiß´.“

Hihihi….Als Müllers´ Tochter hat das Kind Lieschen des Rumpelstilzchens wahre Natur entdeckt. Lieschen kichert: Auf dem Erschaffer der Person lauert permanent die Gefahr, dass die Person definiert wird. Wird ihre wahre Natur entdeckt, hat der Erschaffer all seine Macht verloren. „In jeder Sache steckt der Keim, der die Sache selbst zerstört.“ (Bouvier`s 1856 Maximes of Law). Und die Hauptregel des sogenannten Nicht-Spiels ist nämlich, dass die Spielfigur -sprich die Person- niemals definiert werden darf. Und diese ist auch das Objekt, das dem Gericht Jurisdiktion verleiht.

Lieschen grinst Violetta verlegen an und Artus bläht entrüstet seine Nüstern auf. Aber ehe sich das Hirschorakel erzürnt aus dem Staub macht, zetert es ins Baumhaus hinauf: „Das hat dir der Teufel gesagt!“

Violetta und Lieschen lachen sich noch eine ganze Weile über Artus´ prätentiösen Abgang und seinen so beiläufig erwähnten Ausdruck „vox populi vox dei“ scheckig, beschließen aber, dass sie so langsam dem Hirschorakel folgen und in die Märchenstube zu den anderen zurückkehren sollten. Charlotte, Lotte und der Rest der Mädelstruppe werden sich schon verwundert fragen, wo sie so lange abgeblieben sind…?

Ja. Und es ist auch wirklich mal an der Zeit und längst überfällig, dass dem zurückgelassenen Bodentrupp die neuesten Informationen, Entwicklungen und Freibeuter-Täuschungen offenbart werden und Lieschen ihnen das germanische Recht~Sprichwort „Sitte und Brauch hebt gemeines Recht auf“ erklärt.

Kaum ist die Rückkehr beschlossen, kraxeln die beiden Märchen-Freundinnen geschwind vom Baumhaus und marschieren zügig gen Märchenstube. Auf dem Weg dahin resümiert Lieschen leise, dass sie ja nicht nur die Spielfigur definiert und damit die Abwesenheit des lebendigen Schauspielers erkannt hat, sie hat auch die wundersam wandelbare Bühnenlandschaft, auf dem das Nicht-Spiel stattfindet, entlarvt; und ganz nebenbei eine Entdeckung gemacht, die nie verloren gegangen, sondern nur von dieser sogenannten „natürlichen“ Bühnenproduktion überlagert worden war.

Jetzt schmunzelt Violetta und gibt Lieschen mit einem „High Five“ zu verstehen, dass die Botschaft laut und deutlich angekommen ist. Lieschen erwidert glücklich….

…und das Echte, Rechte beginnt…!


Lieschen war bereits fleißig und hat die private Märchenlektüre „Das Ende des irdischen Rechts und die authentische Rekurrenz des Menschen“ eingesprochen. Diese ist zu finden unter: https//t.me/authentischeRekurrenz

Kein Märchen aus 1001 Nacht, sondern „1001 märchenhafte Fragen & Anworten“ gibt es, -wie Lieschens „Das Ende des irdischen Rechts und die authentische Rekurrenz des Menschen“ – in physischer Privatlektüre aus der Rechtsmärchen-Schreibstube.