Advokalender. #39

Den Mädels ist an ihrem vorweihnachtlichen Schreibpult vor lauter Schrift-Gedöns doch nun fast die Feder aus der Hand entglitten. Ihre müden Finger entspannend, gönnten die Märchen-Freundinnen sich nun mit Knabbereien am Lebkuchenhäuschen eine kleine Pause, welche etwas ausartete…. Bei Kerzenduft und Glühweindunst plauderten sie über ihre Reise durch die Matrix des irdischen R e c h t s, sinnierten über ihre Erlebnisse der vergangenen Monate und unterhielten sich über das ständige Klagegeschrei ihrer Freunde… Bis beim Flaschendrehen urplötzlich, -und wie aus dem Nichts-, ein Hirsch entstieg. Sie tauften ihn „Artus“ und begannen, ihrem tierischen Orakel ihre Aufgaben, Herausforderungen und Sehnsüchte zu erzählen. Ein jedes Märchen-Mädel schilderte sein Begehr. Ob sie wohl dadurch neuen Perspektiven „Thyr und Thor“ eröffnet haben?

Mach´ auf die Thyr und das Thor mach´ weit…


Advokalender 2Q2Q – Thyrchen #39 – Der Fiskus im Geier-Sturzflug.

#39 Thyrchen

Himmel herrgott nochmal…sind Lieschen und Violetta eigentlich verschollen? [Sie graben doch schon über endlose Stunden nach uralten Aufzeichnungen in der Bibliothek! Ratlos zuckt Charlotte mit den Schultern und fragt sich, welcher Spur die zwei jetzt schon wieder nachjagen und ob `das-sich-einfach-aus-dem-Staub-machen´ nun Brauch und Sitte wird, um schnurstracks mal so die eigene Party zu sprengen! Aber vielleicht stampfen sie ja auch gerade einen neuen Schützengraben aus dem Boden? Denn von draußen droht weiteres Ungemach. Ein gewaltiger Sturm scheint aufzuziehen. Isabella und Lotte zurren schon die Fensterläden fest und just beim Versuch das yogapraktizierende Hirschorakel anzuschnallen, fegt ein gewaltiger Tornado um die Ecke.

Alle Blondinen an Deck! Die G e i e r, Walli ist da.

Walli ist einigen Märchenmädels aus Grundschultagen gut bekannt. Das energiegeladene Goldlöckchen ist Rentnerin, Vollblutschäferin und seit wenigen Jahren Witwe. Einst halfen ihr Rosinchen, Prinzessin Hilde, Elise, Freddy, Gourmäggle und Emilia in den Sommerferien bei der Schafaufzucht. In Zeiten des chinesischen Flugsamenbefalls wusch sie gerne ihrem Umfeld liebevoll den Pennäler-Weichspüler „Leib-eigene-Nuggele-ohne-Rechte“ ab, gluckste friesisch-herb über die `zwei-Schafe-Abstand-Ampel-Regierung´ und gab auch noch ihr Lockenwickler-Credo des `Ein-Schaf-kann-nicht-gefeuert-werden-Sklaven-werden-verkauft´ zum Besten.

Unsere G e i e r, Walli segelt gerne hart am Wind. Aber die Zeichen stehen bei ihr erst auf Sturm, wenn ihre Schäfchen keine Locken mehr tragen. Die Dauerwellenspezialistin kennt sich zudem im winterfeller Märchenwald ganz gut aus und legt gerne mal auch für Oma Käthe, Tante Frieda und Opa Hans neue Papier-Strähnchen auf. Erst kürzlich stellte ihr die örtliche Fiskalverwaltung Bescheide aus längst vergangenen Zeiten zu.

Das Finanzamt Eisenfelden präsentierte Frau Walli Geier nicht nur runderneuerte Einkommensteuer-Bescheide von vor zwölf Jahren, sondern veranlasste zugleich bei der zuständigen Ruhestandsgeldanstalt eine sofortige Pfändung ihrer hart erarbeiteten Bezüge. Durch ihren Aushilfsschäfer Xaver kursierten bereits so einige zweifelhafte Informationen, dass die Eisenfeldener Fiskalgehilfen in die Steuer-Archive geschickt würden, um nach Fällen zu suchen bei denen noch etwas zu holen sei. Bevor man Wallis ehemaliges Frisurgeschäft nachträglich noch gehörig den Bart zu stutzen vermag, -um ihr somit reichlich winterfeller Seedukaten abzuluchsen-, kam sie ganz schnell in die Puschen.

Die pfiffige Walli übergab schnurstracks der zuständigen Regierungsbehörde von Königsmund die Steuerbescheide des Finanzamt Eisenfelden mit der höflichen Aufforderung um Beglaubigung der Urkunden zur Verwendung im Ausland*. Das Regierungspräsidium Königsmund antwortete zügig und stellte folgendes fest:

Mit der Ausstellung einer Apostille wird die Echtheit der Unterschrift und des Dienstsiegels auf einer inländischen öffentlichen Urkunde sowie über die Zuständigkeit des Ausstellers der Urkunde zur Vornahme der Amtshandlung bestätigt.

Diese Voraussetzungen liegen bei Ihren vorgelegten Dokumenten nicht vor. Aus diesem Grund müssen die Schriftstücke mit dem Dienstsiegel des Finanzamts Eisenfelden versehen werden, da ansonsten keine Beglaubigung vorgenommen werden kann. Weiterhin müssen die Dokumente von einer unterzeichnungsberechtigten Person unterschrieben werden.

Nach Anbringung des Dienstsiegels und Unterschrift einer berechtigten Person, bitten wir um erneute Vorlage des Bescheids beim Regierungspräsidium Königsmund. Das Regierungspräsidium Königsmund wird Ihren Vorgang dann bearbeiten.

Damals nahm sich Artus der hoheitlichen Steilvorlage an und ging Walli schnell zur Hand. Mit der Winterfeller Posteule brachte Walli folgende handschriftliche Kurz-Mitteilung -selbstverständlich auf blütenweißem, leerem 120g-Papier und in grüner Tinte- dann auf den Weg:

In Anbetracht, dass Ihre Mitteilungen privater Natur sind (siehe Beilage), bitte ich um Neuausfertigung öffentlicher Dokumente für meine öffentliche Person. Die bisherigen Privatsendungen schicke ich Ihnen zu meiner Entlastung zurück.

Beachten Sie bitte eine Frist von vierzehn Tagen. Danke für Ihr Verständnis.

Die Verfasserin.

Zeitgleich übermittelte Walli den gesamten Vorgang in Kopie zur freundlichen Kenntnisnahme an die Königsmunder Ruhestandsgeldanstalt:

Die privaten Mitteilungen des Finanzamt Eisenfelden gingen gemäß Schreiben der Regierung von Königsmund an das Finanzamt Eisenfelden zurück.

Nun steht Walli mit aufgetürmten Locken freudestrahlend in der Märchenstube und lässt energetisch die Bude rocken. Wedelnd hält sie Charlotte, Isabella und Lotte ihre Post unter die Nase. Die drei starren ganz verblitzt auf Wallis neuen Ruhestandsgeldbescheid. Aber offensichtlich stehen die Mädels noch im Windkanal und checken nicht, dass es keine Pfändung mehr gibt. Dafür bemerkte das Hirschorakel ganz kokett, dass der Fiskus hier wohl auf ganzer Linie verloren hätt´.]


*Tulpenzwiebelland oder noch besser Indianerkontinent


Zum Zeitvertreib, und bis Lieschen und Violetta endlich wieder aus ihren Forschungstiefen auftauchen, wäre das Studium ihrer umfangreichen Märchenlektüren empfohlen.